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Pferdetraining einmal anders Teil 1 Alte Werte, neu entdeckt: Der Kappzaum

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von Nicole Künzel
Foto: Antje Wolff

In zunehmend mehr Ställen und Ausbildungsstätten hält der Kappzaum im Trainingsalltag erneut Einzug! Ob zum Longieren, zur Unterstützung bei der Arbeit an der Hand oder beim Einreiten des jungen Pferdes schont der Kappzaum – eine korrekte Anwendung und Verschnallung vorausgesetzt – das empfindliche Pferdemaul. Ist es in der Spanischen Hofreitschule, Wien, Gang und Gebe, die Pferde nicht am Zügel, sondern am Kappzaum vor und nach der Reiteinheit zu führen, so sieht man vielerorts immer noch eine große Menge an Vierbeinern, die an der in den Trensenringen befestigten Longe longiert werden. Was viele Reiter nicht wissen ist, dass sie, durch die oft ungewollten „Paraden“, dem empfindsamen Pferdemaul teilweise große Schmerzen zufügen. Gerade das (junge) unausbalancierte Pferd erhält oft einen starken, einseitigen Zug am Gebiss, da es noch unsicher in der Linienführung ist, diese von seinem Ausbildungsstand her noch gar nicht sicher halten kann – was für ein Einstieg in ein Reitpferdeleben!

Schmerzen im Pferdemaul, eine ungewollte Desensibilisierung auf das Gebiss, verworfene Genicke – all dies müsste nicht sein, gibt es doch den Kappzaum, der bei korrekter Anpassung und in fachkompetenten Händen ein Pferd ohne Ausbinder dazu befähigt, sich korrekt zu stellen und eine ebensolche Längsbiegung anzunehmen. Das Pferd lernt hierbei, sich in allen drei Grundgangarten korrekt zu dehnen und zur Losgelassenheit zu gelangen. Ein Aspekt, der das Pferd entspannt auf das Anreiten vorbereiten kann.

Der Kappzaum besteht aus einem Nasenbügel mit großen oder kleinen Gliedern oder aus einem einzigen glattem Bügel. Er sollte sich dem Nasenrücken des Pferdes optimal anpassen, mit Leder überzogen und leicht gepolstert sein. Achten Sie beim Kauf auf eine nicht zu dicke Polsterung, da diese eine feine Einwirkung verhindern kann. Weiter sind am Nasenbügel ein bis drei Ringe montiert, in welche die Longe und/oder die Zügel eingeschnallt werden können. Auch gibt es eine Kappzaumvariante, welche einen Nasenriemen nur aus verstärktem Leder besitzt, der sich besonders für empfindsame Pferde sehr gut eignet. Die mit Zacken versehene sogenannte „Serreta“ gilt unter ethischen Gesichtspunkten abzulehnen, da sie dem Pferd starke Schmerzen und Verletzungen zufügen kann.

Sie können den Kappzaum englisch, das bedeutet, zwei Fingerbreit unter der Jochbeinleiste oder hannoversch verschnallen. Es gilt je tiefer der Nasenbügel positioniert wird, desto schärfer die Einwirkung. Weiter besteht der Kappzaum aus einem Ganaschenriemen der mittig der Ganasche fest verschnallt wird und zusätzlich mit dem Unterkieferriemen ein seitliches Verrutschen verhindern soll.  Achten Sie bei der Wahl Ihres Kappzaumes darauf, dass die Backenstücke nicht über die Jochbeinleisten rutschen dürfen.

Heute gibt es positiver Weise zunehmend mehr Kappzäume auf dem Markt, deren Nasenriemen auch ohne ein festes Zuschnallen des Nasenriemens den Nasenbügel an seinem Platz belassen.

Bevor Sie mit der Arbeit am Kappzaum beginnen sollten gewisse Führelemente am Halfter und in der Bodenarbeit schon gut abgesichert sein. Übergänge zumindest zwischen dem Halten, Schritt und Trab und eine gute Kontrolle der einzelnen Bereiche des Pferdekörpers, wie beispielsweise der Vor- und Hinterhand, erleichtern Pferd und Mensch den Einstieg ungemein.

Kappzaum drauf und los – so leicht ist es leider aber dann doch nicht! Ein korrektes Longieren am Kappzaum bedarf einiger Übung für Mensch und Pferd, weshalb immer ein versierter Ausbilder zu Rate gezogen werden sollte. Dieser wird zunächst im Schritt in einem kleineren Radius in kurzen Reprisen beginnen dem Pferd zu erklären, dass es auf einen länger anhaltenden Impuls der Longe hin sich in die Dehnung begeben soll. Er wird auf eine konstante Verbindung zwischen Reiterhand und Longe achten und auf eine korrekte Kopf-Halspositionierung in den unterschiedlichen Gangarten und Übergängen zwischen diesen. Zudem wird er Ihnen erklären können, wie Sie Einheit für Einheit, mit einem immer größer werdenden Radius, Ihr Pferd korrekt stellen und biegen können. Ein Pferd am Kappzaum kann man nicht in eine gute Haltung zwingen, man muss sie sich geschickt erarbeiten. Das Resultat eines Pferdes, welches – bewusst und durchdacht – ausbalanciert am Kappzaum longiert werden kann, ist wundervoll anzusehen. Diese Art der Gymnastizierung kann wirklichen Nährwert in sich tragen!

Ihre Nicole Künzel

Nicole Künzel bildet Mensch und Pferd in der klassischen Reitkunst aus. Freude, Leichtigkeit und Harmonie sowie eine positive Grundeinstellung sind Werte, die sie ihren Schülern vermitteln möchte. Neben der Pferdeausbildung ist das Schreiben ihre weitere Leidenschaft. Sie ist Autorin mehrerer Pferdefachbücher und gründete 2014 den evipo (Verlag www.evipo-verlag.com). In Hannover etablierte sie ihr eigenes Ausbildungszentrum evipo (www.evipo.de).

Mehr davon im neuen Buch von Nicole Künzel "Mit Sicherheit richtig verstanden".

Weitere Infos sowie Bestellmöglichkeiten siehe Anhang:

Kommentare


  • “Heute gibt es positiver Weise zunehmend mehr Kappzäume auf dem Markt, deren Nasenriemen auch ohne ein festes Zuschnallen des Nasenriemens den Nasenbügel an seinem Platz belassen.”

    Ja, siehe Dauberg&Roth, die achten sehr auf das Thema Maulfreiheit.


  • Richtig gute Kappzäume macht das Equiteam. Passformprobleme ade. Gerade haben die den 3. Platz beim Innovationspreis DER Pferdezeitschrift Deutschlands gewonnen!

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