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Foto: Antje Wolff

Foto: Antje Wolff

Pferdetraining einmal anders Teil 2 - Einführung in die Arbeit an der Hand


von Nicole Künzel

Die Arbeit an der Hand hat den großen Vorteil, dass Sie Ihrem (jungen) Pferd die Zügelhilfen ohne Reitergewicht zunächst einmal erklären können. So kann sich die Remonte ganz in Ruhe und ohne sich auf den Menschen auf seinem Rücken konzentrieren zu müssen an das Gebiss gewöhnen. Weiter beinhaltet die Arbeit an der Hand auch für das weiter fortgeschrittene Pferd einige Vorteile. So verbessert sie die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd und der Reiter kann von unten – auch wenn etwas einmal nicht klappen mag – aus einer anderen Perspektive die Thematik betrachten, bearbeiten und quasi die Lösung „mit in den Sattel nehmen“. Auch Ponys die aufgrund ihrer Körpergröße nicht von einem weiter ausgebildeten Reiter geritten werden können, sowie rekonvaleszenten oder älteren Pferden bietet die Arbeit an der Hand Abwechslung und eine sinnvolle Gymnastizierungsmöglichkeit. Zudem lassen sich anspruchsvolle Lektionen, wie beispielsweise die Piaffe – eine gute Vorbereitung vorausgesetzt – wunderbar vom Boden aus erarbeiten.
Bevor Sie mit der Arbeit an der Hand beginnen, sollte eine gewisse Grundkommunikation vorhanden sein. Ihr Pferd sollte grundsätzlich natürlich schon an das Gebiss gewöhnt sein, sich von beiden Händen sicher führen lassen und dabei auf eine feine Körpersprache Ihrerseits hin anhalten und antreten oder sich rückwärtsrichten lassen. Es hat bereits gelernt auf ein Zeigen oder leichtes(!) Anlegen der Gerte hin dieser zu weichen. Auch geführte Tempounterschiede Schritt – Trab – Schritt oder Halt – Trab – Halt sollten abrufbar sein.
Zur Ausrüstung empfiehlt sich ein einfach-gebrochenes Trensengebiss, die sogenannte Schenkel- oder Knebeltrense gewährt hier durch ihre seitlich angebrachten Stege eine sehr gute beidseitige Begrenzung, die das Gebiss ruhig im Pferdemaul platziert. Weiter sollten Sie auf festes Schuhwerk, eine eng anliegende Kleidung und Handschuhe achten. Eine Touchiergerte, je nach Pferdegröße mit einer Länge von 1,50 bis 1,70 Meter, die nicht zu schwer in der Hand liegt und zu Beginn auch nicht zu viel Eigenbewegung hat, lässt Sie die Hinterhand mühelos erreichen.
Halten Sie Ihr Pferd nun zunächst einmal am Hufschlag an und positionieren sich zu Beginn ungefähr auf Höhe des Pferdekopfes im 90-Grad-Winkel gegen die Bewegungsrichtung des Pferdes. Achten Sie auf genügend seitlichen Abstand zu diesem. Befinden Sie sich auf der linken Hand, so greifen Sie mit dieser den Zügel direkt vor dem Trensenring. Sie können mit dem Zeigefinger den Trensenring noch zusätzlich umfassen. Der äußere Zügel kommt kurz vor dem Widerrist über dem Hals des Pferdes zum Liegen und wird gemeinsam mit der Touchiergerte (wobei die Gertenspitze nach hinten zeigt) in die rechte Hand gelegt. Im Halten wird die Gertenspitze nahe dem Pferd auf dem Boden abgelegt. Zum Angehen drehen Sie sich um und führen Ihre rechte Hand und die Touchiergerte, mit Abstand und parallel zum Pferd, ungefähr auf Höhe seines Kniegelenkes. Legen Sie die Gerte nun leicht an das Pferd an, geben gegebenenfalls ein Stimmsignal und achten darauf, nicht in Versuchung zu geraten, das Pferd durch ein Vornehmen Ihrer linken Hand zum Angehen bewegen zu wollen. Denken Sie an eine klare Linienführung zunächst am Hufschlag und auf eine gleichmäßige Schrittlänge. Wird Ihr Pferd zu eilig, halten Sie an. Führen Sie lieber fünf Schritte schön, als viele Schritte irgendwie! Der äußere Zügel bestimmt, wie beim Reiten, den Grad der seitlichen Abstellung. Die innere Hand (in unserem Fall die Linke) befindet sich ungefähr auf der Maulhöhe des Pferdes, gerät es in der Kopf-Hals-Positionierung zu tief oder zu hoch, wirken Sie dem Maulwinkel folgend sanft gleichmäßig nach oben ein, um es wieder korrekt zu positionieren. Eine kleine Vibration, ebenfalls dem Maulwinkel nach oben folgend, kann verbremsende Wirkung haben, sollte Ihr Pferd einmal zu schnell werden. Zum Anhalten verlangsamen Sie Ihre Schritte etwas, atmen tief ein und aus, drehen sich gegen die Bewegungsrichtung und schließen beide Hände etwas und geben gegebenenfalls noch ein Stimmkommando „Haaaaalt!“ Üben Sie zunächst auf beiden Händen ein sicheres Angehen und Anhalten. Hiernach sind Ihrer Kreativität keine Grenzen gesetzt: Sie können verschiedene Hufschlagfiguren oder Schritt-Trab-Schritt-Übergänge führen, Rückwärtsrichten oder Seitengänge mit hinzunehmen. In jedem Fall sollten Sie schon von Beginn an einen versierten Ausbilder um Hilfestellung bitten, damit sich bei Ihnen und Ihrem Pferd keine fehlerhaften Bewegungsmuster manifestieren. Anfangs gestaltet sich die Arbeit an der Hand gerade für den Menschen koordinativ als durchaus anspruchsvoll. Sie werden jedoch sehen, dass sich dieses Gefühl mit ein wenig Routine auflöst und diese Form der Beschäftigung Pferd und Mensch viel Freude bereiten kann!

Viel Freude bei den ersten Schritten an der Hand wünscht Ihnen

Ihre Nicole Künzel


Nicole Künzel bildet Mensch und Pferd in der klassischen Reitkunst aus. Freude, Leichtigkeit und Harmonie sowie eine positive Grundeinstellung sind Werte, die sie ihren Schülern vermitteln möchte. Neben der Pferdeausbildung ist das Schreiben ihre weitere Leidenschaft. Sie ist Autorin mehrerer Pferdefachbücher und gründete 2014 den evipo (Verlag www.evipo-verlag.com). In Hannover etablierte sie ihr eigenes Ausbildungszentrum evipo (www.evipo.de).

Schlagworte

  • Arbeit an der Hand

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